Abstracts (Fryday)

Jana Moser (Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig)
Karten als Wissensvermittler: Bedarfe und Praxis ihrer kritischen Reflexion

Karten spielen in der Vermittlung von Wissen eine besondere Rolle, werden aber häufig zu wenig kritisch eingeordnet und im Hinblick auf entstehende Biases reflektiert. Als kulturelle Produkte sind Karten zwar ein Medium, das auf alle Menschen wirkt, dessen Nutzung jedoch gelernt und geübt werden muss.
Die Art ihrer Herstellung, ihre performative Wirkung und der Wahrheitsanspruch, der Karten seitens der Nutzenden zugeschrieben wird, führt zu zahlreichen visuellen und inhaltlichen Verzerrungen. Die Besonderheit von Karten in Bildungskontexten liegt nicht nur darin, dass die zeitlichen, sozialen und kulturellen Hintergründe ihrer Entstehung bekannt sein müssten (u.a. Harley 1989, Gryl 2016). Mit einem überschaubaren Set an Zeichen (Punkte, Linien, Flächen) aber unendlich vielen Kombinationsmöglichkeiten durch die Veränderung visueller Variablen (Bertin 1974) entstehen hochkomplexe Zusammenstellungen. Um diese zu hinterfragen, ist eine aufwändige Dekonstruktion notwendig, wofür in der Schule häufig die Zeit fehlt. Daher werden zwar häufiger die Intentionen von Autor:innen und die Wahl von Farben und Symbolen thematisiert, jedoch nicht ebenso wichtige Aspekte der Datenerhebung, ihrer Auswahl und Zusammenstellung, der Kategorisierung für die visuelle Umsetzung oder auch der Wahl des Ausgabemediums (Druck/Online). Hinzu kommen ökonomische Zwänge von Verlagen sowie wissenschaftliche oder auch politische Interessen anderer Kartenanbieter.

Der Vortrag greift anhand von zwei Beispielen die oben genannten Aspekte auf und macht Herausforderungen und Potentiale für den Umgang mit Karten im Bildungskontext deutlich.

  1. Geschichtskarten und -atlanten zeigen häufig mittels kleinmaßstäbiger Übersichtskarten die Flächen von Territorien. Für die Zeit um 1800 wird dadurch ein einseitiges und teils falsches Bild eindeutiger und flächendeckender Herrschaftsverteilung vermittelt. Mittels digitaler, interaktiver Kartographie und DH lassen sich Herrschaftsverhältnisse und - beziehungen einzelner Orte aufzeigen und verschiedene Aspekte sichtbar machen (Bretschneider et al. im Druck).
  2. Die Nutzung flächenhafter Karten für zahlreiche Themen im Geographieunterricht wird hinterfragt (vgl. Moser 2025). Am Beispiel von Schulbuchkarten und kartenbasierten Internetangeboten für die Schule wird gezeigt, welche „Bilder“ und Biases durch Kategorisierung und Farbwahl entstehen, welche Wirkung diese entfalten können und wie wenig dies im Material eingeordnet wird.

Der Vortrag schließt mit der Forderung, Karten als eigene Darstellungsform ernst zu nehmen. Ihre performative Kraft wird häufig unterschätzt, weshalb teils auf sie verzichtet werden sollte. Andererseits müssen sie nicht nur genutzt, sondern viel intensiver besprochen, argumentiert und kritisch reflektiert werden. Das gilt für alle Fächer, die Karten nutzen. Multiperspektivität im Sinne des Vergleichs mehrerer Karten wird vorgeschlagen, um Biases sichtbarer zu machen.

Quellen:

  • Bertin, Jacques (1974): Graphische Semiologie: Diagramme, Netze, Karten. Übers. und bearb. nach der 2. franz. Aufl. von Georg Jensch. Berlin: de Gruyter.
  • Bretschneider, Falk; Braun, Bettina; Dittmar, Sven; Moser, Jana; Schnettger, Matthias (im Druck): Auf den Punkt gebracht. Neue Ansätze zu einer Geschichtskartographie des Alten Reiches. In: Zeitschrift für Historische Forschung 52 (4).
  • Gryl, Inga (Hg.) (2016): Diercke - Reflexive Kartenarbeit. Methoden und Aufgaben. Braunschweig: Westermann
  • Harley, John Brian (1989): Deconstructing the map. In: Cartographica 26 (2), S. 1–20.
  • Moser, Jana (2025): Choropleth Maps. Critical Reflections on the Frequently Used Representation Method in an Educational Context. In: KN J. Cartogr. Geogr. Inf. 119 (6). DOI: 10.1007/s42489-025-00203-2.

 

Sofia Gavrilova (Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig)
Visual Bias and the Cartographic Ordering of Space in Contemporary Russian Geographical Education

Images occupy a privileged epistemic position in geographical education, where maps, diagrams, and landscape imagery often appear as transparent representations of spatial reality. Yet visual materials do not merely illustrate knowledge; they actively structure the ways in which territory, history, and social relations become intelligible. This paper examines how visual bias operates within contemporary Russian geographical education by analysing the visual and cartographic materials found in school textbooks, atlases, and para-educational media associated with the Russian Geographical Society. Drawing on approaches from critical cartography and visual studies, the paper investigates how visual representations organise the spatial imagination of the Russian state. In school atlases and textbooks, a recurring sequence of maps depicts the territorial history of Russia from medieval polities through the Russian Empire and the Soviet Union to the present-day Russian Federation. These maps present territorial change as the evolution of a single spatial object, producing the effect of a continuous national geo-body that precedes and outlives political regimes.  Such visual sequencing collapses historical ruptures and stabilises the idea of Russia as a transhistorical territorial entity. The analysis further demonstrates how cartographic visualisations establish a hierarchical spatial order within this geo-body. Thematic maps of population distribution, settlement patterns, and “comfortable living conditions” repeatedly position Central Russia as the normative and historically saturated core of the country, while Siberia and the Far East appear as sparsely populated territories defined by environmental extremity and natural magnitude.

This ordering is reinforced through the visual grammar of educational materials, including the distribution of map scales, the concentration of cultural heritage imagery in European Russia, and the use of central Russian landscapes as implicit representations of “typical” Russian nature. Rather than operating through explicit ideological claims, visual bias here emerges through the cumulative effects of cartographic conventions, pedagogical sequencing, and visual selection. These practices naturalise spatial hierarchy by presenting historically contingent territorial relations as self-evident features of geography. The paper argues that educational images and maps function as key pedagogical technologies in the production of national spatial imaginaries, shaping how territory, centre, and periphery become visually and cognitively legible. In doing so, it contributes to broader debates on the epistemic power of images in educational history and on the role of visual media in the formation of geopolitical knowledge.

 

Christian Günther (Bergische Universität Wuppertal)
Zwischen Dokument und Inszenierung.
Erinnerungstopoi und visuelle Bias-Strukturen in immersiven Geschichtsrepräsentationen

Immersive Geschichtsrepräsentationen erzeugen nicht allein visuelle Anschaulichkeit, sondern verschieben die Bedingungen, unter denen historische Faktualität wahrgenommen und zugeschrieben wird. Insbesondere in Virtual-Reality-Anwendungen zeigt sich, dass visuelle Elemente nicht ausschließlich als referenzielle Zeichen fungieren, sondern als Erinnerungstopoi, die im Sinne Rothsteins bereits bestehende, ins kollektive Gedächtnis eingegangene Erinnerungstropen evozieren und von den Nutzer*innen in die jeweilige Wahrnehmungssituation eingebettet werden. Der Beitrag untersucht, in welcher Weise sich daraus ein spezifischer visueller Bias ergibt, der weniger auf sachlich falsche Darstellungen zurückzuführen ist als auf die strukturelle Wirksamkeit dieser Topoi im Zusammenspiel mit Immersion und Präsenzerleben.
VR-Anwendungen erzeugen durch sensorische Abschirmung und räumliche Inszenierung ein Präsenzerleben, das sich eng an Prinzipien natürlicher Wahrnehmung anlehnt. Wird Authentizität mit Schwan als subjektiv erzeugtes, jedoch als objektiv erfahrenes Konstrukt gefasst, das angibt, wie „wirklich“ eine Darstellung wirkt, erklärt sich daraus der hohe Grad zugeschriebener Authentizität immersiver Darstellungen. In Verbindung mit Erinnerungstopoi können visuelle Elemente so den Charakter quasi-dokumentarischer Evidenz annehmen, obwohl sie konstruiert und perspektivengeleitet gestaltet sind.
Gerade in dieser Konstellation zeigt sich die eigentliche Verschiebung. Erinnerungstopoi präzisieren Atmosphäre räumlich und zeitlich, indem sie historisches Vorwissen mobilisieren und affektiv rahmen. Zugleich verschiebt sich die Logik der Zuschreibung. Authentizität wird nicht allein entlang überprüfbarer historischer Referenzen attribuiert, sondern entlang affektiver Anschlussfähigkeit und institutionell gerahmter Faktualitätsannahmen. Die editionswissenschaftlich zentrale Differenz zwischen Dokument, Wiedergabe und Erschließung, wie sie etwa Sahle für digitale Editionen beschreibt, tritt in der immersiven Wahrnehmung in den Hintergrund. Digitale Repräsentationen erscheinen nicht mehr primär als erschlossene Dokumente, sondern als unmittelbar zugängliche historische Evidenz. Die Grenzen zwischen historischer Faktizität und Fiktionalität können dadurch unscharf werden, ohne dass dies notwendig reflektiert wird.

Der Beitrag versteht visuellen Bias folglich nicht als bloßes Gestaltungs- oder Manipulationsproblem, sondern als strukturellen Effekt erinnerungskultureller Bildverwendung in immersiven digitalen Umgebungen. Für die bildungshistorische Forschung bedeutet dies, visuelle Repräsentationen nicht nur hinsichtlich ihrer Referentialität zu analysieren, sondern ihre performative Kraft im Dokumentieren, Repräsentieren und Vermitteln historischer Sachverhalte systematisch mitzudenken.

 

Cäcilia v. Malotki (Universität Wien)
Visual History, Visual Bias – von der vermeintlichen Eindeutigkeit (post-) sozialistischer Bildräume

Der vorliegende Beitrag versteht sich als Chronologie einer irrigen Annahme und dem Versuch, diese produktiv zu wenden. In Bestrebungen, audiovisuelle Aufzeichnungen von Schulunterricht der DDR auszuwerten, spielten mögliche visuelle Kontinuitäten eine entscheidende Rolle. Reh & Jehle plädierten für den Rahmen einer „Visual History of Education“. So sollten „zeittypische visuelle Muster – sowohl Wahrnehmungsweisen wie Darstellungsmuster von Unterricht“ (2020, 349) rekonstruiert und in das sie umgebende Geflecht von Bild und Narration (Endreß 2011, 199) eingebettet werden. In der forschungspraktischen Umsetzung dieses Vorhabens wurde u. a. das Motiv des ‚guten Lehrers‘1 heuristisch gesetzt. Man erwartete Erkenntnisse hinsichtlich Unterrichtskultur und sichtbare Verkörperungen eines vorherrschenden Bildungsideals. Dahinter stand der Wunsch, einen über bestandsbezogene Bildräume (Kollmann & Jornitz 2022, 381) hinausgehenden konjunktiven Erfahrungsraum (vgl. Mannheim 1980, 271) sozialistischer Pädagogik aufzufalten. Motivischen Ähnlichkeiten in der Inszenierung abgefilmter Lehrkräfte mit Bildräumen wie dem Fries „unser Leben“ am Haus des Lehrers in Berlin und sprachliche Setzungen in didaktischen Diskursen versprachen Kontinuitäten in der Repräsentation eines zeitgenössischen Berufsgeists ebenso wie Bezüge zu pastoralen Heldenfiguren (Malotki, i. Dr.).
Im Bemühen, weitere visuelle Verbindungslinien zu finden, fiel ein Bestand ins Auge, dem außerordentliches Potenzial attestiert wird (Kollmann & Jornitz 2022, 395). Die Reihe des Bilderatlas von Robert Alt (Alt 1960; 1965) und das Manuskript des 3. unveröffentlichten Bandes wurden auf Darstellungsmuster von Lehrkräften hin untersucht. Die werkimmanent formulierte Absicht, mit dem Atlas ein eigenständiges Medium der Lehrkräftebildung zu schaffen (Alt 1960, VI) versprach zusätzlichen Erkenntniswert. Bei der Durchsicht der publizierten Bände zeigten sich prävalente Abbildungen und textualen Wertungen: u.a. Gemälde von Pestalozzi im Kreis seiner Schützlinge sowie Stiche strafender Dorfschullehrer. Im Manuskript des 3. Bandes, das mehrere Kapitel über sozialistische Lehrkräfte und deren antifaschistischen Widerstand umfasst,2 verloren sich diese Motive jedoch. Kennzeichnend für diesen Bildraum sind vielmehr Verweise auf

Alts spezifisches Verständnis von sozialistischer und kommunistischer Erziehung und Bildung und die komplexe Rezeptionsgeschichte seines Werks. Der hier deutlich werdende Bias angenommener Kontinuität soll im Vortrag produktiv gewendet werden, indem Nuancen in visuellen und textuellen Bezügen der Lehrerfiguren in Alts Bilderatlas kontrastierenden und korrespondierenden Darstellungen zeitgenössischer Bestände gegenübergestellt werden. Anschließend soll eine Diskussion darüber initiiert werden, wie man eine angemessene Präsentation einer derartigen Forschung im Sinne des VisualHistory Ansatzes konzipieren und mit Tools der Digital Humanities umsetzen könnte.

1 rekurriert auf geschlechtstypische Muster (Baader & Koch 2023). 2Archiv BBF des DIPF, APW/ ALT 49.

 

Literatur

  • Alt, R. (1960/1965): Bilderatlas zur Schul- und Erziehungsgeschichte. Bd. 1 (1969); Bd. 2 (1965). Berlin: Volk und Wissen Verlag.
  • Baader, M. S., Koch, S., & Neumann, F. (2023). Von Soldaten und Lehrerinnen. Geschlechterverhältnisse in Bildungsmedien der DDR. In S. Reh, M. S. Baader, & M. Caruso (Hrsg.), (Post-) Sozialistische Bildung—Narrative, Bilder, Mythen. (Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 69). Beltz Juventa, 21–39.
  • Endreß, Franziska (2011): Bild und Narration als konstituierendes Verhältnis von Bildräumen. Eine Skizze - In: Bildungsforschung 8 (2011) 1, 191–213.
  • Mannheim, K. (1980): Strukturen des Denkens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Kollmann, S. & Jornitz, S. (2022). Sozialistische Bildräume: Über Robert Alts Bilderatlas zur Schul- und Erziehungsgeschichte In Bildung und Erziehung 75 (2022), 4, 380–397.
  • Reh, S., & Jehle, M. (2020). Visual History of Education—Audiovisuelle Unterrichtsaufzeichnungen aus der DDR. In M. Corsten, M. Pierburg, K. Hauenschild, B. Schmidt-Thieme, U. Schütte, & S. Zourelidis (Hrsg.), Qualitative Videoanalyse in Schule und Unterricht. Weinheim: Beltz, 349-370.
  • v. Malotki, C. (i. Dr.): Inszenierungen eines ‚guten‘ Lehrers. Visuelle Muster einer Ratgebersendung des DDR-Fernsehens in den 1970er Jahre. .Berlin: Berlin University Publishing.

 

Önder Cetin (Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut, Braunschweig)
Beyond the Frame: Visual Absence and the Politics of (In)visibility in Turkish Heritage Language Textbooks in Germany

While research on images in educational media typically focuses on what visuals display, this paper examines what they systematically omit—and how these absences operate as discursive strategies in constructing Turkish-Muslim identity in Germany. Focusing on Turkish heritage language textbooks used in German schools, it argues that visual omission is not a neutral pedagogical by-product but an active mechanism of cultural boundary-making.
The study employs a critical visual methodology combining systematic iconographic mapping with discourse-oriented analysis of visual absence. An "expected” visual repertoire is inductively derived from 1990s–2000s textbooks (establishing baseline motifs of spaces, actors, practices) and used to track disappearances, persistences, and emergences in a 2010s corpus. The analysis draws on two distinct textbook contexts: German-developed Turkish heritage language materials (20 textbooks from six series: Sevgili Türkçe, Türkçe dil ve okuma kitabı, Biz ve Dilimiz, Pilot, Türkçe anadil dersleri, Benim Türkçem) published by two major Turkish-origin publishers in Germany (Anadolu and Önel Verlag, active since 1977 and 1982 respectively); and Turkish state-produced materials (Türkçe ve Türk Kültürü series, 20 textbooks from 2010, 2019 and 2025 editions). This dual corpus reveals a "geography of visual absence" and asks: Which visual elements vanish or newly appear across three decades? How do omission patterns shift across migration and educational policy contexts?

Visual absences are analysed along three dimensions: (1) spatial invisibility—the presence or absence of German everyday life/public spaces and contemporary Turkish contexts; (2) relational absence—depictions of Turkish-German social interactions and intercultural encounters; (3) temporal-spatial displacement— contrasting visual treatments of Turkey as "there-and-then" versus Germany as "here-and-now."

By centring iconographic voids rather than presences, the paper contributes to the conference theme Repräsentieren by demonstrating that educational images' epistemic functions are shaped as much by what remains outside the frame as by what appears within it. In migration pedagogy contexts, understanding visual absence reveals how textbooks navigate heritage preservation versus integration through strategic silences. This approach advances visual bias studies by establishing absence as an analytical category in its own right.

 

Julia Kernbach (Universität Siegen)
Bilder und ihre Fallstricke - oder: Warum es so schwer ist auf Sprache zu verzichten

Die Vermittlung didaktischer Prinzipien kann in der bildenden Kunst meist nur unzureichend oder wenig eindeutig benannt werden und wird häufig über das Tun und die eigene Erfahrung des Entstehungsprozesses in der Kunstpraxis erworben. Insbesondere vor dem Hintergrund der lehramtsbezogenen Kunstvermittlung erscheint dies nicht ohne Bedeutung, da künftige Lehrkräfte im Fach Kunst gestalterische, vermittelnde und didaktische Grundlagen in ihrer Berufspraxis vereinen und anwenden (Griebel 2022, 107).

Vor diesem Hintergrund soll anhand von zwei Beispielen der Bildvermittlung aus Seminaren mit angehenden Lehrkräften des Faches Kunst an der Universität Siegen aufgezeigt werden, wie das geschriebene Wort und das Sprechen über das eigene Bild einerseits unverzichtbar, andererseits jedoch wenig unterstützend für den Prozess der Bilderstellung sein können. Das Ziel von beiden Herangehensweisen ist gleichermaßen die Entwicklung einer möglichst eindeutigen Bildsprache, die weitestgehend ohne schriftliche oder mündliche Erklärung lesbar ist (Glas 2023; Mörsch u. a. 2023).

Das erste im Vortrag vorgestellte Beispiel bezieht sich auf den Prozess der Erstellung eines präzisen Prompts für die KI-Generierung einer konkreten fotografischen Visualisierung. Die für diesen Schaffensprozess notwendige Verwendung von Schrift vor der Bildgenerierung zeigt sich insofern für einen Bias anfällig, da ein fachspezifisches Vorwissen für die Formulierung des Prompts notwendig ist, um als Ergebnis ein bestimmtes, oftmals ikonografisches Bildergebnis zu erreichen (Panofsky 2006). Im zweiten Beispiel werden didaktische Prinzipien im Prozess der fotografischen Bilderstellung mit einer Digitalkamera und anschließenden Kunstvermittlung thematisiert (Shore 2010). Durch verbale Vorwegnahme auf ikonologischer Ebene kann hier ein Deutungsüberschuss hervorgerufen werden, der sich als visueller Bias auf die Bildbetrachtung überträgt (ebd.). Insbesondere zeigen sich hier Szenarien anfällig für einen Bias in der Bildbetrachtung, in welchen ein Besprechen von Bildern und ihrer Wirkung noch geübt wird.

Es wird aufgezeigt und soll diskutiert werden, wie die beiden gegensätzlichen Beispiele aus Lehrveranstaltungen der konsekutiven Lehramtsausbildung eine didaktische Funktion im Nachdenken über einen visuellen Bias in Vermittlungssituationen in doppelter Hinsicht erfüllen: Studierende stellen fest, dass eine präzise Bildsprache, die möglichst ohne weitere Erklärung während der Bildbetrachtung auskommt, anforderungsreich ist und einer gewissen Übung bedarf. Gleichzeitig stellt die bislang häufig praktizierte Vorgehensweise der Bildvermittlung ein bewährtes didaktisches Vorgehen auf den Kopf, da generative Bildverfahren mittels KI ein komplett anderes Vorgehen erforderlich machen.

Literatur

  • Glas, Alexander. 2023. Didaktik des Kunstunterrichts: Ein Lehrbuch Für Studium und Praxis. 1st ed. With Jochen Krautz und Hubert Sowa. Kohlhammer Verlag.
  • Griebel, Christina. 2022. «Reflexive Praxen». In Kunstpädagogik und: Bezugsfelder und Perspektiven kunstpädagogischer Theorie und Praxis, herausgegeben von Sara Hornäk und Susanne Henning. Athena bei wbv.
  • Mörsch, Carmen, Sigrid Schade, und Sophie Vögele, Hrsg. 2023. Kunstvermittlung zeigen: Über die Repräsentation pädagogischer Arbeit im Kunstfeld. 1. Auflage. Studien zur Kunstvermittlung 1. Kopaed.
  • Panofsky, Erwin. 2006. Ikonographie und Ikonologie: Bildinterpretation nach dem Dreistufenmodell. 1. Aufl. DuMont.
  • Shore, Stephen. 2010. The Nature of Photographs. 2nd ed. revised, Expanded and Redesigned. Phaido.

 

 

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